2007
10
Dez

Liebe Leser,

der Begriff des „web 2.0“ beschreibt eher vage eine veränderte Wahrnehmung und Nutzung des Webs. Aus organisatorischer Sicht liegt das Hauptaugenmerk darauf, dass Inhalte nicht mehr zentralisiert von großen Medien erstellt und verteilt werden, sondern von einzelnen, unabhängigen Personen. Jeder kann mitmachen und neben der Konsumentenrolle gleichzeitig die Produzententrolle einnehmen.


Zwei zentrale, eher wenig beachtete Aspekte dabei sind: Es gibt zwar viel mehr Möglichkeiten, sich zu artikulieren und Aufmerksamkeit zu generieren, gleichzeitig aber steigen in demselben Maß die Anforderungen an die Qualität der Inhalte und an die Kommunikation mit anderen. Die Qualitätskontrolle erfolgt ebenfalls dezentralisiert und vor allen Dingen durch Viele. Damit einher geht die Verlagerung der Verantwortung von großen, anonymen Organisationen hin zum Einzelnen.

Ähnliche Tendenzen gibt es seit vielen Jahren in der Arbeitswelt, deshalb haben wir den Begriff „work 2.0“ geprägt.

Es herrscht eine immer größere Unsicherheit, Arbeitsinhalte und -plätze wandeln sich. Die durch die Flexibilisierung entstehenden Chancen wahrzunehmen, liegt bei jedem selbst, beim Einzelnen. Hier nenne ich als Stichworte „lebenslanges Lernen“ oder „Employability“. Die Anforderungen an die Flexibilität – sowohl von Unternehmen als auch die von Einzelpersonen – steigen. Last but not least: Die Quote von Selbständigen und kleinen Unternehmen hat stark zugenommen. In Deutschland und in der EU beträgt der Anteil der Unternehmen mit 1-10 Mitarbeitern heute mehr als 90 % der Gesamtzahl der Unternehmen. Auch stellen diese Unternehmen einen Großteil der Arbeitsplätze.

Die Merkmale dieser Entwicklung entsprechen denen von web 2.0:

Wenn man aktiv und vernetzt am Arbeitsleben teilnimmt, gehen die zunehmende Möglichkeiten mit steigender Eigenverantwortung einher. Während früher der Arbeitgeber für einen sicheren Job mit entsprechender Weiterbildung sorgte, muss man dies nun selbst tun. Work 2.0 eben. Das bietet viele Chancen für Menschen, die gerne lernen und sich weiterentwickeln. Diejenigen, für die Kontinuität und Sicherheit des Arbeitsplatzes besonders wichtig sind und diejenigen, die – aus welchen Gründen auch immer – besonderen Schutz bedürfen, haben es in dieser Umwelt schwerer als früher.

Für unsere Gesellschaft bedeutet das, dass sie ihre Arbeitskultur in Frage stellen sollte: Einen Neu-Selbständigen sollte man zu seinem Mut und seinen neuen Chancen beglückwünschen. Stattdessen begegnet Selbständigen als Reaktion häufig Mitleid und der Glaube, dass er oder sie im „richtigen“ Arbeitsleben nicht mehr bestehen könne. Das ist nur eines von vielen Beispielen für immer noch weit verbreitetes Denken.

Wir, also projektwerk, sind schon lange in der neuen Welt angekommen. Auch für unser Netzwerk ist das alles schon Alltag. Aber ich bin immer wieder überrascht, wie fern diese Gedanken der Allgemeinheit noch sind und wie ratlos Rufe nach Abhilfe an die Politik adressiert werden.

Wir können die Welt können nicht anhalten, auch die Politik kann das nicht. Aber wir und jeder einzelne von uns, können die Entwicklung als Chance begreifen. Oder?

Ihre Christiane Strasse

Hamburg, 10.12.2007

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